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Rupert Sheldrake stellt in seinem Buch "Sieben Experimente die die Welt verändern könnten" die Behauptung auf, alle Materie und insbesondere das Leben sei universell durch so genannte Morphogenetische Felder umgeben und miteinander verbunden.
Der Biochemiker Sheldrake glaubt, dass diese von ihm postulierten Felder notwendig sind, um verschiedene biologische Prozesse erklären zu können.
Ich werde deshalb zeigen, dass Morphogenetische Felder nicht nur unnötig sind, sondern auch physikalisch keinen Sinn machen und zumindest einige seiner Quellen für Experimente in diesem Zusammenhang sehr fragwürdig sind - da ich das Buch nicht gelesen habe, beziehen sich meine Aussagen auf Sheldrakes Internetseite.
Der Begriff des Morphogenetischen Feldes stammt dabei nicht von Sheldrake, sondern aus der Biologie, wo er gebraucht wurde, um zu beschreiben, wie sich Organismen aus einer einfachen Zelle zu Pflanzen und Tieren entwickeln können - es war hier jedoch nur eine Metapher für die bis dahin unverstandenen Prozesse der Entwicklung. Die Gene allein können dafür nicht verantwortlich sein, den die sind ja in jeder Zelle gleich. Heute ist aber bekannt, dass die Genexpression - die Aktivierung einzelner Gene - durch Konzentrationsgefälle von Botenstoffen schon in der ersten Zelle angelegt ist, so das zumindest für dieses Problem keine seltsamen äußeren Felder mehr notwendig sind. Sheldrake lässt sich von diesen Erkenntnissen nicht beirren und geht trotzdem davon aus, dass diesen Feldern eine reale Existenz zugesprochen werden muss.
Ein Ausgangspunkt für die Annahme es gäbe immaterielle Felder, können nämlich auch Gedanken und Erinnerungen sein. So hat man beispielsweise festgestellt, dass sehr lebhafte Erinnerungen durch die Stimulation weniger oder sogar einzelner Neuronen hervorgerufen werden, was den Schluss nahe legen könnte, dass Erinnerungen in einzelnen Zellen gespeichert werden. Auf der anderen Seite scheinen Schädigungen des Gehirns das Gedächtnis nicht zwingend zu beeinträchtigen.
Das scheint ein Widerspruch zu sein, der sich aber leicht auflösen lässt, wenn man davon ausgeht, dass Erinnerungen nicht in einer einzigen Zelle sondern in zeitlichen und räumlichen Mustern von neuronaler Aktivität im ganzen Gehirn gespeichert werden. Diese Muster können dann angeregt werden, wenn eine Zelle stimuliert wird, die eng mit den anderen Zellen aus diesem Muster verknüpft ist. Auf diese Weise kann z.B. ein Geruch eine starke Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis auslösen. Andererseits wird die Erinnerung nicht zerstört, wenn eine Zelle aus dem Muster verschwindet, lediglich ein Aspekt der Erinnerung verliert vielleicht an Intensität.
Es kommt außerdem hinzu, dass das Gehirn sehr kreativ ist, wenn es darum geht Erinnerungen zu rekonstruieren und wenn nötig sogar zu erfinden, sodass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man Erinnerungen vor und nach einer Hirnverletzung vergleicht.
In diesem Zusammenhang sind z.B. ein paar Fälle bekannt in denen Patienten ihrem Therapeuten von Misshandlungen in der Kindheit berichtet haben, die nachweislich nicht stattfanden. Hier kommt es darauf an, dass der Therapeut mit neutraler Haltung in die Sitzung geht und suggestive Fragen und Gesten vermeidet.
Ein wichtiger Hinweis auf die Existenz Morphogenetischer Feldern wäre die Existenz von telepathischen Fähigkeiten. Rupert Sheldrake hat sich leider nicht die Mühe gemacht entsprechende Experimente unter geeigneten Laborbedingungen durchzuführen, sondern fordert seinen Leser dazu auf.
In einem Fall bezieht er sich für ein Experiment auf den Termitenforscher Marais, der um 1920 Termiten in Afrika untersucht hat und seine Erkenntnisse in dem Buch "Die Seele der weißen Ameise" veröffentlicht (die englische Übersetzung aus dem Afrikans erschien erst 1972) . Rupert Sheldrake beschreibt in seinem Buch ein Experiment Marais, in dem dieser einen Termitenbau beschädigt hat und beobachtete, wie zielstrebig dieser repariert wird. Darüber hinaus behauptet Sheldrake aber das die Termiten den Bau passgenau reparieren würden, wenn man eine dünne Stahlplatte in die Bresche steckt. Dieses Experiment ist von Marais aber nicht durchgeführt worden - zumindest beschreibt er es nicht in dem zitierten Buch, zum Vergleich finden sich die entsprechenden Links im Anhang dieses Artikels.
Marais versucht zwar das Sozialverhalten der Termiten mit einer "Gruppenseele" zu erklären und behauptet diese sei so stark, dass sie auch dünne Bleche durchdringen könnte, aber das wird durch Experimente nicht belegt.
In den letzten 80 Jahren hat die Entomologie entscheidende Fortschritte gemacht und man weiß das sich Termiten mit Duftstoffen und taktilen Kommunikationsformen effektiv verständigen können und das ihr intelligent erscheinendes Gruppenverhalten mit dieser Verständigung und sehr einfachen Regeln für jedes Individuum modelliert werden kann.
Ein anderes Experiment betrifft die Lernfähigkeit von Ratten, so haben angeblich Experimente belegt, dass Ratten, die ein Problem lösen sollten, dies von Generation zu Generation schneller lernten.
In dem Experiment von W. McDougall an der Universität von Harvard 1920 konnte gezeigt werden, dass die Ratten mit jeder Generation schneller lernten [W. McDougall, "An experiment for the testing of the hypothesis of Lamarck", Brit J Psych 17 (1927) pp 267-304]. Eine Wiederholung des Experiments von Agar zeigte, dass auch untrainierte Ratten in einem Kontrollexperiment mit jeder Generation ihre Lernleistung verbesserten, was zumindest eine genetische Weitergabe ausschließt [W. E. Agar, F. H. Drummond, O. W. Tiegs, und M.M. Gunson, "Fourth (final) report on a test of McDougall's Lamarckian experiment on the training of rats", J Exp Biol 31 (1954) pp 307-321]. Diese Ergebnisse werden von Sheldrake in der Weise interpretiert, dass die Ratten über ihr Morphogenetisches Feld in Verbindung stehen und der Lernerfolg so über die verschiedenen Linien propagiert wird. Angesichts der Tatsache, dass McDougall der spätere Gründer und Direktor des Parapsychologischen Zentrums an der Duke Universität war muss man sich Fragen, wie verlässlich seine Experimente sind.
In wieder anderen Experimenten konnte jedoch kein signifikanter Unterschied im Lernerfolg nachgewiesen werden [F. A. E. Crew, "A repetition of McDougall's Lamarckian experiment", J Genetics 33 (1936) pp 61-101].
Um diese Frage zu klären und festzustellen, ob und warum Laborratten mit jeder Generation intelligenter werden - was sogar dann zutrifft, wenn gezielt langsame Lerner gekreuzt werden - sind weitere Experimente erforderlich. Insbesondere muss dabei ausgeschlossen werden, dass die im Laufe der Jahre veränderten Laborbedingungen - immerhin wurden die Lebensbedingungen für Labortiere auch mit der Zeit verbessert, und man weiß, dass eine abwechslungsreiche Umgebung und weniger Stress zu einer Steigerung der Intelligenz führen - und die bessere Praxis der Experimentatoren zu besseren Ergebnissen führten.
Ein weiteres Phänomen, das Sheldrake mit einem Morphogenetischen Feld erklären möchte, ist der Phantomschmerz, aber dafür besteht eigentlich keine Notwendigkeit. Wenn man davon ausgeht, dass unser Gehirn über eine enorme Flexibilität verfügt und in der Lage ist, ungenutzte Bereiche wieder anderen Funktionen zuzuweisen, sodass man scheinbar Empfindungen in fehlenden Gliedmaßen hat, während das Gehirn tatsächlich Informationen aus vielleicht ganz anderen Regionen verarbeitet. Sheldrake gibt zu, dass diese Hypothese praktisch kaum noch zu widerlegen ist, belegt wird sie aber durch die Tatsache, dass man Phantomschmerzen wieder verlernen kann, weil ihre Existenz eben auch nur ein erlerntes Muster im Gehirn ist. Natürlich kann man sich vorstellen, das auch morphogenetische Felder mit etwas Übung ignoriert werden können, deshalb zeigt dieser Umstand nur, dass konventionelle Erklärungen hier nicht ausgeschlossen werden können.
Sheldrake versucht seine Hypothese zu belegen, indem er Versuche durchführt das Phantombein eines Probanden durch einen anderen Menschen berühren zu lassen, die Ergebnisse scheinen seine Behauptungen zu belegen, allerdings lässt sich anhand der Daten nicht nachvollziehen, ob der Erfolg bereits statistisch signifikant ist oder ob die Ergebnisse noch im Bereich der zufälligen Streuung liegen. Hier sind unbedingt unabhängige Untersuchungen erforderlich. Das ist auch erforderlich, um auszuschließen, dass die Einstellung des Experimentators das Ergebnis verfälscht. Dieser Einfluss muss aber nicht ebenfalls über die immateriellen Felder erfolgen, sondern kann auch unbewusst bei der Durchführung oder Interpretation der Daten erfolgen. Die von Sheldrake durchgeführten Experimente beschränkten sich darauf dem Probanden eine Kapuze überzuziehen, sodass er sein Gegenüber nicht sehen konnte, Geräusche wurden pauschal als unbedeutend abgetan, weil ein offenes Fenster den Verkehrslärm hineinließ. Das ist in meinen Augen ungenügend, da dieses Vorgehen die enormen Fähigkeiten des Gehirns außer acht lässt Sinneseindrücke auch unterbewusst zu filtern und auszuwerten, was die beschriebene Verbesserung der Ergebnisse erklären könnte. Außerdem kommt hinzu, dass die Versuche nicht wirklich zufällig waren, sondern der Versuchsleiter willkürlich entschieden hat, ob eine Berührung erfolgen sollte, dabei ist es nicht möglich auszuschließen, dass er Muster bei den Versuchpersonen unterbewusst erkannt und in den Ablauf des Versuchs eingebaut und so die Ergebnisse auch ungewollt in seinem Sinne beeinflusst hat.
Dieses Experiment muss deshalb wiederholt werden und zwar mit Kapuze, Kopfhörern - auf die weißes Rauschen gegeben wird - für beide Probanden und einen Zufallsgenerator, dessen Auswahl erst hinterher in die Auswertung einfließt. Idealerweise verlässt der Versuchsleiter die Probanden und beobachtet das Experiment mit einer Videokamera.
Das Gleiche gilt auch für das Experiment zu den Reaktionen eines Hundes in Hinblick auf die Rückkehr seiner Bezugsperson. Die in anwesenden Personen wussten nicht, wann die Bezugsperson wiederkommt, trotzdem ist auch hier nicht auszuschließen, dass sie ein Muster bemerkt und der Hund ihre Erwartung bemerkt hat. Mein Vorschlag wäre ein dem Hund unbekanntes Gebäude - mit unbekanntem Umgebungsgeräusch, um auszuschließen, dass der Hund hören kann das sich seine Bezugsperson nähert - am besten mit Fahrstuhl, der entweder Leer oder mit Bezugsperson und Fremden ankommt.
Ein weiteres angebliches Argument sollen Kristalle sein, weil sie angeblich immer leichter zu synthetisieren sind je öfter sie hergestellt werden und dann auch bald in anderen Labors auftreten. Auch hier ist es nicht erforderlich Morphogenetische Felder zu postulieren. Wie Sheldrake ebenfalls erwähnt, nimmt die Praxis und die Erfahrung der Laboranten zu, wenn sie lernen die Umgebungsbedingungen, Lösungskonzentrationen usw. optimal auf die Bildung des gewünschten Kristalls abzustimmen. Selbstverständlich werden diese Ergebnisse auch in Fachmagazinen publiziert und Laboratorien in aller Welt pflegen Kontakt zueinander und probieren ähnliche Kombinationen aus - und sei es nur, um einem anderen Labor bei der Entwicklung eines interessanten Kristalls zuvor zu kommen - so ist es nicht verwunderlich, dass Kristalle auch in anderen Labors auftauchen.
Wenn Rupert Sheldrake allerdings argumentiert, dass Naturwissenschaftler sich auf die Naturkonstanten einigen würden und ihre Experimente mit ihrer Erwartungshaltung beeinflussen kann ich ihm nicht mehr folgen. Ganz abgesehen davon, dass dies als Totschlagsargument gegen jeden Kritiker eingesetzt werden kann verkennt es die Grundlage des wissenschaftlichen Denkens. Denn es geht nicht darum sich darauf zu einigen, wie das Universum beschaffen ist, sondern darum eine Beschreibung zu finden die die beobachteten Zusammenhänge am besten erklärt und in Einklang bringt. Folgendes Beispiel ist etwas übertrieben, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass mit der Erkenntnis des heliozentrischen Aufbaus des Sonnensystems die Erde aus dem Zentrum gewandert ist, nur weil sich eine Anschauung durchgesetzt hat, die die Sonne ins Zentrum stellte. Das sich die Naturkonstanten mit der Zeit verändern hat vielleicht mehr damit zu tun das sich die Untersuchungsmethoden verbessern und Fehler - sowohl statistische als auch systematischer, d.h. nicht vom Zufall sondern von der Durchführung abhängig - immer weniger Einfluss haben und man von Zeit zu Zeit auch bessere Definitionen findet, wie z. B. beim Längemaß Meter, das früher an einem Stück Platin gemessen wurde und heute als Lichtstrecke in einer bestimmten Zeit definiert ist.
Aber nicht nur die Hinweise auf eine tatsächliche Existenz der Morphogenetischen Felder sind derzeit mager, auch die physikalischen Grundlagen stehen auf wackligen Füssen.
Die Idee, das belebte und auch unbelebte Materie von Feldern umgeben sei beruht auf einer Analogie zu Quantenmechanik, wo man Teilchen nicht mehr als feste Objekte mit klar definiertem Ort und Geschwindigkeit beschreiben kann, sondern nur noch als eine Zufallsfunktion des Zustands, in dem sie sich befinden. Dabei muss man aber beachten, dass diese Zustandsfunktionen zum einen nicht unabhängig vom Teilchen sind und in der Regel um so schneller zusammenbrechen je größer das Objekt wird. D.h., die Verteilung der Funktion in der Raumzeit verbreitert sich, bis ein Ereignis eintritt und die Zustandsfunktion für einen Augenblick zusammenschnurren lässt, für kurze Zeit ist die Wahrscheinlichkeit das Teilchen an einem bestimmten Ort zu finden sehr hoch, dann verläuft die Funktion wieder.
Die Ereignisse, die dies Verursachen passieren, um so häufiger je größer das Teilchen wird, sodass wir in der Regel nichts davon mitkriegen.
Man kennt in der Quantenmechanik aber auch den Effekt der Verschränkung zweier Teilchen, die unter gewissen Bedingungen einen gemeinsamen Zustand einnehmen können. Man kann diese verschränkten Teilchen von einander entfernen und beobachten, dass sie trotzdem miteinander verbunden sind und z. B. die Polarisation des einen auch die des anderen beeinflusst.
Beide Ansätze eignen sich aber nicht für eine Grundlage von Morphogenetischen Feldern, denn erster Effekt ist wie beschrieben für größere Objekte nicht mehr relevant und die Verschränkung ist ein sehr instabiler Zustand, der unter Laborbedingungen hergestellt werden kann. Im Alltag kann man hingegen davon ausgehen, dass solche Zustände nicht auftreten und auch sehr schnell wieder zerfallen würden, weil Wechselwirkungen die nun gemeinsame Wellenfunktion zusammenbrechen lassen. Abgesehen davon ist mir nicht klar, wie diese Prozesse, die sich auch Elementarteilchen und Atome beziehen in biologischen Systemen oder gar dem Gehirn einen Einfluss ausüben sollen, da es sich hier um einige Milliarden Zellen handelt, die sich wieder aus milliarden Atomen zusammensetzen.
Zusammenfassend kann man diese Theorie nicht ohne weiteres abtun, auch wenn man von den Experimenten für den Hausgebrauch absieht - von deren Relevanz ich nicht überzeugt bin - bleiben einige Untersuchungen für die eine Erklärung gefunden werden muss, wie ich gezeigt habe - und auch Rupert Sheldrake nicht verschweigt - sind aber auch konventionelle Erklärungen möglich. Dazu ist es zunächst nötig aussagekräftige Studien mit genügend Probanden und zweifelsfreier Versuchsanordnung durchzuführen, um dann alle konventionellen Erklärungen auszuschließen. Schließlich müsste man sich überlegen, welche Experimente durchgeführt werden können, die Sheldrakes Theorie widerlegen können - erst, wenn sie auf diese Weise falsifiziert ist, hat sie eine Chance sich durchzusetzen.
Die von Sheldrake angeführten Argumente und Beweise reichen zur Zeit für eine endgültige Entscheidung nicht aus, deshalb ist es legitim, zunächst an einem Weltbild festzuhalten, das sich ohne die Einführung von Morphogenetischen Feldern beschreiben lässt.